Ein Gedankenanstoß von Pfarrer Benjamin Battenberg

Eine Debatte spaltet unsere Gesellschaft, oder konkreter: Ich weiß, dass da Menschen sind, die mich für verblendet, unwissend und fehlgeleitet halten und mir gehts da leider ähnlich. Diese Menschen sind nun aber nicht irgendwo weit weg, die sind mir ganz nah.

Das sind Leute, mit denen ich gerne rede. Leute, die ich bewundere. Leute, die selbstlos viel gutes tun. Leute, die ich als Schwestern und Brüder in Jesus Christus ansehe. Von daher geht mich diese Debatte auch ganz persönlich an.

Ich oute mich gleich: Ich (Benjamin) bin geimpft, halte das für sehr sinnvoll und Corona ist meiner Meinung nach alles andere als harmlos. Im folgenden nenne ich solche Leute wie mich „Bekräftiger“. Die anderen nenne ich die „Skeptiker“. Ich gendere hier auch nicht durchgängig, da ich hier bewusst etwas karikierend schreibe – das dürfen dann auch einfach mal nur Männer sein;)

Die Skeptiker betrachten den politischen und medialen Mainstream skeptisch

/// Sie sind der Meinung, das Covid19 eigentlich viel harmloser ist, als behauptet wird, weswegen es viel weniger oder gar keine entsprechenden Gegenmaßnahmen wie Maskenpflicht, Lockdowns etc. bräuchte. Wer dies weiß, ist denen überlegen, die sich solcherart knechten lassen – also den Bekräftigern.

/// Es ist ihrer Ansicht nach klar, dass gewisse politische und wirtschaftliche Eliten die Covid-Krise nutzen, indem sie die breite Masse kontrollieren und den Menschen Schaden zufügen, um selbst an Einfluss, Macht und Geld zu gewinnen.

/// Eine Covid-Impfung ist in diesem Sinne einerseits ein Unterdrückungsinstrument solcher Eliten und andererseits komplett unnötig, vielleicht sogar gefährlich.

Die Bekräftiger bekräftigen den politischen und medialen Mainstream

/// Die breite Masse an veröffentlichter Evidenz deutet darauf hin, dass Covid19 großen Schaden für Individuen und ganze Gesellschaften (z.B.: durch Zusammenbruch des Gesundheitswesens) anrichten kann. Diese Evidenz wird von den Bekräftigern als plausibel und zureichend angesehen.

/// Von daher handeln in ihren Augen Regierungen richtig, wenn sie strikte Maßnahmen erlassen und Impfungen fördern und fordern. Wer das weiß und sich an die Regeln hält, ist denen überlegen, die diese (wissenschaftliche) Evidenz ignorieren – also den Skeptikern.

/// Eine Covid-Impfung wird von Bekräftigern deswegen als ganz wichtiges Mittel der Pandemiebekämpfung angesehen

Beide Positionen haben nun jeweils eine Schwäche, die sie in den Augen der jeweils anderen angreifbar macht:

Die Skeptiker vernachlässigen zumeist die wissenschaftliche Evidenz: Da werden dann gerne Dinge aus dem Zusammenhang gerissen oder auf wenig anerkannte „ExpertInnen“ verwiesen, um klar zu machen „Wer sich WIRKLICH informiert, erfährt die Wahrheit hinter den Dingen“. Das ist schwach. Natürlich muss die Masse nicht recht haben, aber man braucht schon sehr gute Argumente, um die Masse zu widerlegen. Diese richtig guten Argumente habe ich persönlich noch nicht gehört oder gelesen.

Die Bekräftiger vernachlässigen zumeist die üblen Machenschaften von wirtschaftlichen und politischen Eliten in diesem Kontext. Warum? Ich weiß es nicht. Klar ist aber: Konzerne, Regierungen und Einzelpersonen versuchen, aus der Krise in einem beängstigenden Ausmaß Kapital zu schlagen. Der Hygiene-Austria-Skandal macht deutlich, wie ein finanzkräftiger Player mit großartigen politischen Verbindungen versucht, skrupellos die Situation auszunützen. Dabei ist das wohl im internationalen Vergleich ein eher kleiner Fisch. Die großen Tech-Konzerne gewinnen unglaublich viel Kontrolle in diesen Zeiten und Regierungen holen sich allerhand Befugnisse, die sie schon immer gerne gehabt hätten – das geht sogar ganz legal, wenn alle gerade nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht. Wenn BekräftigerInnen da nicht ganz genau hinschauen, warnen und entschieden dagegensteuern, werden sie vermutlich recht schnell als naiv und unglaubwürdig wahrgenommen.

Es ist in gewisser Weise verständlich, wenn Skeptiker den Kopf schütteln und fragen: „Warum lasst ihr euch so vera….?“ Auch verständlich ist es, wenn BekräftigerInnen den Kopf schütteln und fragen: „Warum seid ihr nicht empfänglich für klare wissenschaftliche Argumente?“

Nein, ich will hier nicht relativieren, wie gefährlich es sein kann, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu ignorieren, ich will nur sagen: Ich halte es für ganz und gar nicht unbegründet, dass Menschen misstrauisch sind – gegenüber Regierungen, Konzernen und irgendwelchen bedeckten Eliten.

Ich glaube (und habe das in über 10 Jahren Ehe immer wieder neu lernen müssen), Dialog funktioniert nur, wenn ich meine eigenen Schwächen, Fehler und auch Verfehlungen offen zugebe. Das geschieht mir in der aktuellen Debatte viel zu wenig. Gerade bei Online-Debatten kann ich mich in meinen Sessel zurücklehnen und meine gefilterte Überlegenheit sprechen lassen. Da bin ich dann kein Mensch aus Fleisch und Blut mit Ängsten, Komplexen und einem Pickel auf der Nase.

Wenn ich nicht anfange, dem anderen zumindest hier und da recht zu geben und meine eigene – auch intellektuelle – Begrenztheit einzugestehen, wird mir mein Gegenüber auch nie entgegenkommen.

Überheblichkeit bringt uns nicht weiter!

Aber was bringt uns weiter? Als evangelischer Theologe lande ich natürlich immer wieder – na klar – beim Evangelium:

=> In mir selbst bin ich ein erbärmlicherer Sünder als ich mir je eingestehen könnte.

ABER

=> In Christus bin ich ein von Gott unvorstellbar geliebter Mensch – ein Heiliger, wie Paulus uns nennt.

Du und ich, wir haben vielleicht komplett gegensätzliche Meinungen zum Thema Corona oder zum Thema Impfung (und danke, dass du so weit gelesen hast, das ist hammer!), aber wenn du in Christus bist und ich in Christus bin, dann sind wir beide unendlich geliebte sinners/saints.

+++ Das, was uns verbindet, ist viel stärker, als das, was uns trennt.

+++ Das Evangelium von Jesus Christus ist viel stärker als Corona, Facebook, die Nato, die EU oder irgendeine Impfdebatte.

+++ Das freut mich, das ermutigt mich, das schenkt mir Hoffnung!

Ich glaube sogar: Wir als ChristInnen haben hier eine Chance, wirklich etwas zu verändern: Wenn wir es schaffen, uns nicht an dieser Frage spalten zu lassen (ja, ich glaube, dass das geht!), dann können wir dem Rest der Welt einen Weg aufzeigen, der in diesem Moment ganz besonders wichtig ist.

Ich höre schon die Einwände!

Nein, ich will hier nicht romantisieren. Ich will hier auch nichts unter den Tisch kehren. Ich finde es zum Beispiel wirklich fürchterlich, dass – wenn ich recht habe – viel zu viele Menschen sterben, weil andere sich nicht impfen lassen wollen.

Aber ich finde es fürchterlich als einer, der selbst ziemlich daneben ist. Als einer, der selbst Vergebung braucht, jeden Tag neu. Ich will nicht sagen: „Es ist eh wurscht, was du denkst, was ich denke!“

Was ich sagen will ist dies:

Ich glaube: Das Evangelium ermöglicht uns, und verpflichtet uns sogar, einander zuzuhören, einander auszuhalten, einander in Liebe zu begegnen und das – ist schon sehr sehr viel!

Überheblichkeit bringt uns nicht weiter – Versuch einer Annäherung zwischen den Fronten

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