„Es war einmal ein Prinz. Der Prinz lebte mit in einem herrlichen Palast, dessen Hallen vom Keller bis zum höchsten Turm von Lachen, Leben und Liebe erfüllt waren. Jeden Morgen, wenn der Prinz in seinem warmen, weichen Bett aufwachte, warteten kostbare Kleider auf ihn, welche die vielen Diener über Nacht für ihn bereitgelegt hatten. An der Tafel des Königs standen die erlesensten Speisen und wenn der Prinz einen Wunsch hatte, brauchte er nur mit den Fingern zu schnippen und dutzende Diener standen bereit um ihm zu helfen. Am schönsten waren für den Prinzen aber die langen Spaziergänge, die er mit seinem Vater durch die königlichen Gärten machte. Stundenlang redeten und lachten die beiden, freuten sich über die Schönheit der Natur und genossen die Gesellschaft des anderen. Das Glück des Prinzen wäre vollkommen gewesen, wenn da nicht… Aber davon später.

Jeden Abend wieder waren die außergewöhnlichsten Persönlichkeiten und Künstler im Palast des Königs eingeladen. Bis spät in die Nacht wurde dann gegessen, erzählt, diskutiert, gesungen und oft auch getanzt.

So vergingen die Tage und die Nächte, bis eines Tages ein armer Straßenmusiker aus einem fernen Land beim König zu Gast war. Nach dem Essen griff dieser zu seiner Laute und begann zu singen:

„Hohes wird niedrig, Großes wird klein. Sehnen und suchen, Friede wird sein“

Als der Prinz dieses Lied hörte, erstarrte er. Lange vergessene Bilder stiegen in ihm hoch: Das geliebte Gesicht seiner Schwester. Die fröhliche, kleine Stupsnase mit den kecken Sommersprossen. Die unbändigen, wilden Locken. Ihre glasklare Stimme, mit der sie genau dieses Lied immer und immer wieder gesungen hatte. Es war ein uraltes Lied ihrer Familie. Ihre Mutter hatte es immer gesungen, während die beiden Kinder eng aneinander gekuschelt eingeschlafen waren.

Während der Straßenmusiker sang, brachen auch die dunklen Erinnerungen an jenen schrecklichen Tag aufs Neue über ihn herein: Die Auflehnung seiner Schwester, ihre bösen Worte zum Vater.

„Du hast mir nichts zu sagen!“ hatte die Schwester geschrien und war aus dem Speisesaal gestürmt. Nicht nur das: Als der Vater ihr nachging in ihr Zimmer, war dieses leer und die Schwester verschwunden. Monatelang hatten sie nach ihr gesucht. Der König und der Prinz hatten zusammen mit unzähligen Dienern das Land durchkämt und in jedem noch so kleinen Ort nach ihr gefragt, aber erfolglos. Die kleine, geliebte, rebellische, wunderbare Schwester war und blieb verschwunden.

„Was ist das für ein Lied?!“, fragte der Prinz erschüttert. „Ein Straßenmädchen hat es gesungen“, antwortete der Straßenmusiker. Der Prinz suchte die Augen seines Vaters. In ihnen stand dieselbe Frage geschrieben, die auch in seinem Herzen brannte: „Könnte es sein, dass…?“ Wer sonst sollte dieses uralte Lied ihrer Familie singen?

„Wo kann ich dieses Straßenmädchen finden?“, fragte der Prinz atemlos.

„Ich kann mich nicht mehr erinnern“, antwortete der Straßenmusiker. „Es war in einer der vielen Städte, die ich bereist habe. Das Mädchen gehörte zu dem Straßenvolk, das dort sein Unwesen treibt.“

„Zum Straßenvolk gehört sie? Dann werden die mir sicher sagen können, wo das Mädchen steckt!“, rief der Prinz.

Der Straßenmusiker sah ihn teils neugierig, teils mitleidig an: „Niemand wird mit euch reden, Eure Hoheit!“, antwortete er.

„Warum denn nicht?!“, entsetzte sich der Prinz. – „Weil das Straßenvolk nur mit seinesgleichen redet. Alle anderen Menschen fürchten sie und allen anderen misstrauen sie. Mit Verlaub, Eure Hoheit: Als Prinz werdet Ihr niemals mit ihnen reden können.“

„Aber ich muss! Ich muss sie finden!“, rief der Prinz verzweifelt. Die Neugier stand dem Straßenmusiker nun unverhohlen ins Gesicht geschrieben: Warum um alles in der Welt interessierte sich der hocherhabene Prinz für ein solch armseliges Straßenmädchen? Aber er wagte es nicht, den Prinzen nach der Geschichte zu fragen.

Nachdem der Straßenmusiker gegangen war, beratschlagten Vater und Sohn bis spät in die Nacht, wie sie das Mädchen finden könnten. „Vater, ich weiß einen Weg“, sagte der Sohn schließlich. Der Vater nickte langsam.

Und so tauschte der Prinz seine königlichen Kleider gegen ein paar abgetragene, übelriechende Lumpen. Diese bestanden zu mehr als zur Hälfte aus Löchern und er kaufte sie einem der Bettler am Stadttor um einen unverschämten Preis ab. Noch einmal blickte er in das geliebte Gesicht des Vaters und seine sanften, zärtlichen Augen – dann zog er los. Er ganz allein.

Tagein, tagaus zog der Prinz als Bettler durchs Land. Tagsüber verdiente er sich ein paar Groschen als Straßenmusiker, nachts schlief er in den Viehställen von mitleidigen Bauern – wenn er Glück hatte. Wenn er weniger Glück hatte, verbrachte er die kalten Nächte unter einsamen Brücken oder in verlassenen Löchern.

Ab und zu, wenn der Hunger allzu schlimm wurde, sehnte sich der Prinz nach den Köstlichkeiten am Tisch seines Vaters. Und er kämpfte mit der Versuchung, das Geld anzurühren, das er für die Rettung der Schwester mitgebracht hatte. Doch jedes Mal dachte er dann an seine geliebte Schwester, biss in eine vertrocknete Brotrinde und suchte weiter.

Immer wenn er in eine neue Stadt kam, ging er als erstes zum Lagerplatz des Straßenvolkes. Niemand vermutete in der ausgezehrten, armseligen Erscheinung einen Prinzen – er war ganz und gar einer von ihnen geworden. Und jeden Abend wieder packte seine Laute aus und begann dasselbe Lied zu singen. Immer in der Hoffnung, dass jemand es wiedererkennen würde und ihm den Weg zu seiner Schwester zeigen würde.

„Hohes wird niedrig, Großes wird klein. Sehnen und suchen, Friede wird sein“

So gingen die Jahre ins Land. Eines Tages kam der Prinz in eine besonders trostlose Stadt. Wie immer sang er sein Lied, doch an diesem Tag war alles anders. Ein Mann blieb stehen und meinte: „Ach, das ist ja das Lied, das die Kleine auch immer singt.“

Die „Kleine“ war ein Mädchen im Alter seiner Schwester. Sie saß in einer Nebengasse, direkt in einer Hauseinfahrt. Er erkannte sie sofort. Die einst glänzenden Haare hingen stumpf herunter und umrahmten ihr so verloren wirkendes, kleines Gesicht.

„Bist du es wirklich?“, sagte er.

Das Mädchen blickte beim Klang seiner Stimme ruckartig auf. Ungläubiges Erstaunen spiegelte sich auf ihrem Gesicht wider und mit einem Freudenschrei warf sie sich dem geliebten Bruder in den Arm.

„Wie hast du mich gefunden?!“, rief sie.

Doch bevor er ihr antworten konnte, wich ihre Freude der Angst: „Schnell, mein Bruder, du musst weg. Sie dürfen dich hier nicht mit mir sehen!“

„Wer denn?!“, fragte er verwirrt.

„Die Bande, der ich gehöre. Schon so oft wollte ich fliehen und so oft bin ich gescheitert.“

Schnell nahm er den Beutel unter seinem Hemd hervor: „Nimm das!“, sagte er. „Dieses Geld habe ich mitgebracht. Es sollte dir helfen sicher nach Hause zu kommen.“

Noch während er redete, hörten die beiden hinter sich wütende Schritte. „Lauf, meine Schwester!“, rief er.

Und so nahm sie das Geld und rannte los, während er sich mit dem Mut der Verzweiflung den Angreifern in den Weg stellte. Das letzte, was er sah, waren ein Dutzend drohend erhobene Fäuste. Dann wurde es um ihn herum dunkel.

Das Dröhnen in seinem Kopf glich einem Wasserfall und das Dunkel war endlos. Wo war er? Seine Augenlieder fühlten sich an wie Blei. Es kostete ihn alle Kraft, die Augen einen kleinen Spalt zu öffnen. Vor ihm saß… sein Vater?! Licht und Wärme durchfluteten das Zimmer und erst jetzt bemerkte er die feinen, weißen Bettlaken, die ihn sanft umhüllten.

„Was ist passiert?“, formten seine Lippen.

„Du wurdest übel zusammengeschlagen“, sagte der Vater. „Meine Diener haben dich im Straßengraben gefunden und hergebracht. Sie dachten du bist tot. – Aber Gott sei Dank haben sie sich geirrt.“

„Was ist mit meiner Schwester?“, hauchte der Prinz. „Ich habe ihr das Geld gegeben. Hat sie es heim geschafft?“

„Ja!“, antwortete der Vater. „Deine Schwester ist gerade bei deiner Mutter.“

„Wie geht es ihr?!“, wollte der Prinz wissen.

Der Vater lachte leise: „Gut geht es ihr. Und sie sieht schon fast wieder wie eine Prinzessin aus.“

„Da bin ich ja froh“, flüsterte der Prinz, während die Müdigkeit ihn wieder umschloss. Noch im Einschlafen murmelte er:

„Hohes wird niedrig, Großes wird klein. Sehnen und suchen, Friede wird sein“

Der Vater betrachtete zärtlich das friedvolle Gesicht seines schlafenden Sohnes und strich ihm sanft über das Haar: „Wir sollten das Lied umschreiben“, sagte er. „Wie wäre es mit damit?

„Hohes ward niedrig, der Große ward klein. Der Friede gefunden, die Ehre ist DEIN!“

(Alexandra Battenberg)

Was die Geschichte mit dem christlichen Glauben zu tun hat, erklären wir HIER.